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Cloud oder klassisch – Faktencheck Teil 1

11. May 2022 RST

Cloud-Anbieter, Werbe- und Marketingunterlagen sowie Fachzeitschriften nennen eine Vielzahl von Kriterien, die für oder gegen den Einsatz von Cloud-Services sprechen – meist überwiegt die Pro-Fraktion. Abgesehen davon, dass eine pauschale Aussage ohnehin nicht möglich ist, veränderten sich wichtige Kernaussagen im Laufe der Zeit. So wurde anfangs meist mit den geringen Kosten des Cloud-Betriebs argumentiert. Angesichts der stattlichen Beträge, auf die sich die monatlichen Gebühren in wenigen Jahren summieren, ist dies kaum haltbar. Trotzdem werden diese und andere Argumente immer wieder unreflektiert abgeschrieben.

Im Folgenden klopfen wir daher die 20 am häufigsten genannten Pros und Cons auf ihre Stichhaltigkeit ab. In diesem ersten Teil unseres Faktenchecks betrachten wir die am häufigsten genannten Vorteile.

1. Verfügbarkeit überall und einfacher Zugang ohne Verwaltungsaufwand

Cloud-Anwendungen können einfach genutzt werden und sind üblicherweise per Browser von überall zugänglich. Der Verwaltungsaufwand ist gering, da sich der Anbieter um den operativen Betrieb kümmert.

Faktencheck: Die genannten Punkte haben einen wahren Kern, allerdings gilt das nur, wenn man jede Anwendung isoliert betrachtet. Sobald Integrationsthemen ins Spiel kommen, sieht die Sache anders aus.

2. Beliebige Storage-Kapazität

Die Datenablage in der Cloud kann beliebig wachsen, dadurch erhöhen sich zwar die Kosten, allerdings sind – im Gegensatz zu Systemen on prem – keinerlei Investitionen oder organisatorische Maßnahmen nötig, nur eine Buchung, ein Klick.

Faktencheck: Die Behauptung stimmt. Allerdings wachsen Daten nicht schlagartig: der Bedarf, von heute auf morgen das Storage-Volumen zu verdoppeln, kommt in der Praxis kaum vor.

3. Automatisches Backup/Restore von Daten

Diese positiven Punkte von Cloud-Storage werden häufig genannt. Dahinter steckt die Vorstellung, dass in der Cloud ja alles mehrfach redundant gehalten wird und nichts verloren geht.

Faktencheck: Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass Anbieter mit den anvertrauten Daten verantwortlich umgehen und daher für Sicherheit sorgen. Ob Daten mehrfach redundant gehalten werden und ob der Anbieter automatisch Datensicherungen durchführt, hängt von den vertraglichen Regelungen ab. Im Zweifel besser konkret fragen.

Bei MS365 ist beispielsweise Backup im Standard nicht enthalten und wie man bei Amazon oder beim Brand des OVH-Rechenzentrums in Straßburg gesehen hatte sind Daten „in der Cloud“ keineswegs automatisch sicher. Nur ein Backup hilft übrigens auch bei versehentlichem Löschen oder bei Cyber-Angriffen.

4. Geringere Kosten

Der Vorteil geringerer Kosten wurde für Cloud-Angebote besonders in den Anfangsjahren häufig genannt. Investments in Hardware, Setup und Software sind nicht erforderlich, ebenso entfallen die Kosten für Updates der Software.

Faktencheck: Die Behauptung stimmt im Kern, es fallen keine Kosten für Hardware, Software und Updates an. Betrachtet man allerdings die Ausgaben für den Cloud-Einsatz über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren, dann übersteigen diese die Investitionskosten für Hardware und Software meist deutlich. Es besteht das Risiko, dass Anbieter die Abhängigkeit der User nutzen und so wie Microsoft am 01.03.2022 mal eben deftige 20-prozentige Preiserhöhungen durchsetzen. Cloud ist jedenfalls nicht preiswert.

Eine präzise, objektive Gegenrechnung ist aber tatsächlich schwierig, weil Cloud-Anhänger – zum Teil berechtigt – argumentieren, dass es für Unternehmen profitabler sei, sich auf das Kerngeschäft zu fokussieren und den IT-Betrieb auszulagern. Auch steuerliche Betrachtungen können einen Unterschied machen, beispielsweise die Abschreibungsmöglichkeiten eigener Investitionen in Hard- und Software.

5. Flexibel und innovativ

Verteilte und virtuelle Unternehmen, die sehr auf Zusammenarbeit angewiesen sind, finden mit innovativen Cloud-Anwendungen ideale Voraussetzungen und können diese ohne große Umstände einsetzen. Gleichermaßen können Startups mit Cloud-Anwendungen schnell eine IT-Struktur aufbauen.

Faktencheck: Diese Behauptung trifft im Wesentlichen zu. Viele Cloud-Anwendungen wurden speziell für den Anwendungszweck Collaboration entwickelt.

6. Interne technische Ressourcen werden frei

Durch die Auslagerung des operativen Betriebs werden Kostenblöcke und interne Personalressourcen frei, diese können aus der IT heraus stärker das Kerngeschäft des Unternehmens unterstützen.

Faktencheck: Diese Aussage klingt einleuchtend, darf jedoch bezweifelt werden. Wenn Clouds integraler Bestandteil der IT-Infrastruktur sein sollen, müssen entsprechend ausgebildete IT-Mitarbeiter die neuen Anforderungen bewältigen. Das gilt nicht nur während der aufwendigen Migration von Anwendungen in die Cloud, sondern auch im operativen Betrieb.

7. Schnellerer Datenaustausch

Bei verteilten Unternehmen bietet sich der Vorteil eines schnellen Datenaustauschs zwischen den Locations an. Alle Daten bleiben innerhalb der Cloud, die hohe Performanz und Durchsätze garantiert.

Faktencheck: Die Cloud als verbindendes Element und Netzwerk-Hub in verteilten Unternehmen kann aus Sicht der Schnelligkeit von Vorteil sein, besonders bei global agierenden Unternehmen. Häufig entfällt dadurch der Bedarf für hohe Upload-Geschwindig­keiten.

8. Gute Skalierbarkeit

Kunden zahlen nur für den Storage, die Leistung und Anzahl Lizenzen, die sie benötigen. Wachsen die Anforderungen, kann der Kunde einfach und schnell zusätzliche Ressourcen buchen. Umgekehrt, bei schrumpfendem Geschäft, kann dieser frei werdende Ressourcen wieder zurückgeben.

Faktencheck: Die Argumentation stimmt nur zur Hälfte. Dass ein projektgetriebenes Unternehmen mit Cloud besser „atmen“ kann wegen der raschen Anpassung der Software-Nutzung und damit der Kosten an den jeweiligen Bedarf ist mit den heutigen Geschäftsmodellen nur noch Theorie.

Um im Bild zu bleiben: das Unternehmen kann schnell einatmen (mehr Nutzung und mehr Kosten), muss aber dann die Luft anhalten, bis Verträge zu kündigen sind und die Kosten wieder sinken.

9. Mehr technische Expertise der Cloud-Anbieter

Cloud-Anbieter wie Microsoft haben mehr Know-how zu ihren Produkten, zum Beispiel mit Exchange in Azure, so dass diese immer optimal konfiguriert sind. Im operativen Betrieb laufen immer die aktuellsten Versionen mit den neuesten Sicherheits-Updates.

Faktencheck: Das ist richtig. Microsoft bewirbt sogar die Tatsache, dass Security-Updates zuerst für die Cloud zur Verfügung stehen.

10. Verlässlichere Infrastruktur, einfach zu managen

Durch Skaleneffekte der Cloud-Anbieter können diese eine robustere Infrastruktur bereitstellen, die sich durch den Kunden ganz einfach per Klick managen lässt.

Faktencheck: Die Aussage stimmt, solange man jeden Anbieter für sich betrachtet. Bei Multi-Clouds oder hybriden Clouds erhöht sich die Komplexität und damit auch die Fehleranfälligkeit durch Integrations- und Zuständigkeitsprobleme.

Teil 2

Über die genannten Punkte hinaus gibt es selbstverständlich noch viele weitere Aspekte, die zum Teil anbieter- und anwendungsspezifisch sind. Ein genauer Blick auf die technischen und wirtschaftlichen Fakten lohnt sich auf jeden Fall.

Im nächsten Teil untersuchen wir die typischen Argumente gegen die Cloud-Nutzung, auch hier entlarvt der Faktencheck manchen Humbug.