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Wie das Internet hochseetauglich wurde

21. Jun 2022 ARI

Die Vernetzung der Welt hängt an gläsernen Fäden: Nur wenige Kabel verbinden die Länder der Erde. Unter unseren Füßen, vor allem aber in den Meeren liegen sie. Das ist nicht ungefährlich.

Öffnen Internetuser heute eine Website oder nutzen sie die Cloud-Dienste der einschlägigen Tech-Giganten, erreichen sie die Datenpakete zumeist in Sekundenbruchteilen durch das Meer. Anfang 2022 waren weltweit etwa 440 Seekabel mit einer Gesamtlänge von 1,3 Millionen Kilometern in Betrieb. Rund 98 Prozent des internationalen Internetverkehrs werden nach Schätzungen von Google aktuell über diese Unterseekabel abgewickelt. Und das nicht von ungefähr: dank Glasfasertechnologie erlauben Seekabel Datenkommunikation über enorme Distanzen und können dabei wesentlich größere Datenmengen in deutlich geringerer Laufzeit transportieren als die stärksten Kommunikationssatelliten im Orbit.

Die historische Entwicklung der Seekabel

Da Mitte des 19. Jahrhunderts das Versenden einer Nachricht von Amerika nach Großbritannien noch über eine Woche dauerte, wurde die Idee geboren, ein Kabel am Grund des Atlantiks zu verlegen. Nach mehreren Fehlversuchen in den 1850er Jahren konnte 1866 das erste Kabel in Betrieb genommen werden, das langfristig die Telegrafenverbindung zwischen Amerika und Europa sicherstellte. Weitere Seekabel wurden in den nächsten Jahren verlegt und die Vernetzung der Welt begann. Nachrichten konnten nun zum Beispiel innerhalb kürzester Zeit von London via Malta und Alexandria in die britischen Kolonien in Indien nach Bombay verschickt werden.

Die ersten Telefonkabel in den 1950er Jahren waren dann Koaxialkabel aus Kupfer für 8 oder 24 Sprachkanäle. Je nach Kabeldämpfung mussten alle 20 oder 30 Kilometer Kabelverstärker eingebaut werden, die den Frequenzgangabfall und die Kabeldämpfung kompensierten.

Erst mit der Glasfasertechnik Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts konnten wesentlich breitbandigere Seekabel für mehrere Millionen Sprachkanäle installiert werden. Diese Kabel, die inzwischen alle Erdteile miteinander verbinden, sind nicht viel dicker als ein großer Gartenschlauch, dennoch können bei der letzten Generation beispielsweise bis zu 71 Millionen HD-Videos gleichzeitig gestreamt werden.

Unterseekabel für die Datenwolke

Es klingt paradox. Je schneller die Digitalisierung voranschreitet, je mehr Daten wir kabellos generieren und drahtlos kommunizieren, desto abhängiger werden wir von langen Kabeln. Die luftige Allegorie von der Datenwolke ist ein schiefes Bild: Unsere Daten lagern an ausgesprochen irdischen Orten, verbunden über viele Kabel.

Um die kostbaren Datenadern bestmöglich zu schützen, betreiben die Unternehmen einen gewaltigen Aufwand. Vor der Verlegung eines neuen Seekabels nimmt zunächst ein Forschungsteam den Meeresboden zwischen den Landungspunkten gründlich unter die Lupe. Auf Basis dieser Befunde legen die Experten dann eine bis auf den Meter genaue Kabeltrasse fest. Bei der Routenführung berücksichtigen sie den Verlauf von Naturschutzgebieten, Schifffahrtsrouten und geologischen Besonderheiten. Besonders Erdbebengebiete, aktive Vulkane und Korallenriffe wollen dabei bestmöglich umgangen werden. Verlauf und Beschaffenheit der Kabeltrasse bestimmen, wie stark das Kabel ummantelt und welche Technik bei der Verlegung verwendet wird.

Kritische Infrastruktur

Inzwischen rückt - wie beim Wettlauf um die Eroberung des Weltraums - auch die strategische Bedeutung dieser wichtigen Unterwasser-Infrastruktur in den Fokus der großen Mächte und Technologieunternehmen. Internationale IT-Konzerne, vornehmlich aus den USA und zunehmend aus China, gewinnen mehr und mehr an Einfluss. Russland und China verfolgen ihren machtpolitischen Anspruch immer aggressiver, indem sie versuchen, die Kontrolle über Datenströme und Kommunikationswege zu erlangen. Am grenzüberschreitenden Datenverkehr, seien es Seekabel, Netzwerktechnik oder Rechenzentren, haben Unternehmen aus der Volksrepublik inzwischen mit 23 Prozent einen größeren Marktanteil als Unternehmen aus jedem anderen Land der Welt. Europa droht zunehmend zwischen die Fronten zu geraten.

Private Konzerne wie Alphabet / Google, Meta / Facebook, Amazon oder Microsoft beauftragen immer öfter die Verlegung neuer Leitungen. Sie achten dabei allerdings kaum darauf, die Kabel vor Angriffen zu schützen. Terroristen oder Schurkenstaaten könnten den Kabeln Schaden zufügen oder sie komplett zerstören und die Internetkommunikation der modernen Welt verlangsamen oder gar lahmlegen. Diverse Geheimdienste befreundeter Staaten begnügen sich mit dem Abhören der Kommunikation über diese Leitungen und richten somit zumindest keinen materiellen Schaden an den Leitungen selbst an.

Achillesferse des 21. Jahrhunderts

Es gibt die Legende über das Internet, wonach das weltumspannende Netzwerk selbstreparierend sei. Falle ein Datenweg aus, suchten sich die Bits und Bytes einfach einen anderen Weg und gelangten so doch ans Ziel. 440 Kabel weltumspannend sollten hierfür eigentlich ausreichen.

Was beeindruckend klingt, macht das Internet aber auch beeindruckend verletzlich: Wahrscheinlich sind die Kabelwege unter allen kritischen Infrastrukturen diejenigen, bei denen man mit dem niedrigsten Aufwand den höchsten Schaden verursachen kann. Redundante Strukturen, die Ausfälle abfedern können, gibt es natürlich, aber letztlich sind vor allem die See-Infrastrukturen auf Kante genäht. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, dass jede einzelne Hochseeverbindung Hunderte Millionen Euro respektive US-Dollar kostet. Die Seekabel sind die Achillesferse der Netzstrukturen.

Am seidenen Faden

Der Datenverkehr über den Atlantik verdoppelt sich alle zwei Jahre, während das durchschnittliche Alter der Seekabelsysteme, die die EU-Mitgliedstaaten untereinander oder mit dem Rest der Welt verbinden, bei relativ gesehen hohen 17 Jahren liegt. 2021 wurde während der portugiesischen EU-Rats-Präsidentschaft diese Herausforderung erstmals zu einer Priorität erklärt. Seekabel müssen fortan als Teil der kritischen Infrastruktur der EU behandelt werden, was zu größeren Investitionen in europäische Kabel führen und die digitale Sicherheit Europas stärken sollte. Es geht um nicht weniger als darum, mit einer Stärkung der digitalen Souveränität Europas Rolle als globaler politischer und wirtschaftlicher Akteur zu sichern. Sichere Kabel werden mehr und mehr zum seidenen Faden an dem das Schicksal unseres Kontinents im digitalen Zeitalter hängt.

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