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MS365 – solide geplanter Wahnsinn

7. Dec 2022 RST

Ich gebe auf, ich habe keine Kraft und keine Nerven mehr, Microsoft hat gewonnen. Ich bin als IT-Consultant immer bestrebt, unseren Kunden komplexe Zusammenhänge zu erklären, damit sie bei ihrer Entscheidungsfindung zu möglichst sinnvollen Ergebnissen kommen. Drei Jahre Office365 alias Microsoft365 und Konsorten haben mir und meinen Kunden unsere Grenzen aufgezeigt.

Es gab Situationen, in denen Kunden – nach detaillierter Erläuterung der Features eines der 365er-Produkte – heulend am Telefon zusammenbrachen und bettelten, ich solle ihnen halt irgendetwas verkaufen, was ich für richtig hielte. Dann ist Eile angesagt, denn möglicherweise heißt das Produkt bis zur Rechnungsstellung schon wieder anders. Dann geht die ganze Diskussion wieder von vorne los: Sie wissen es wahrscheinlich schon lange, dass „Office 365 Business Premium“ umbenannt wurde zu „Microsoft 365 Business Standard“ oder dass sich „Office 365 Business“ jetzt „Microsoft 365 Apps for Business“ schimpft. Dann erschließt sich ja die Umbenennung von „Office 365 ProPlus“ zu „Microsoft 365 Apps for Enterprise“ praktisch schon von selbst.

Grandiose Übersicht

Aufmüpfigen Kunden, die denken, uns fehlte der Überblick über die Produkte und deren Features sende ich kurzerhand und unaufgeregt eines der Übersichtsblätter über das MS365- und Office365-Produktportfolio. Das ist eine Tabelle mit 50 Spalten und etwa 400 Zeilen, in der Breite gut mit einem Monitor ab 40 Zoll zu bearbeiten, nur nach unten wird es etwas lang. In der Regel melden sich so verarztete Kunden erst nach Wochen wieder, sehr freundlich dann und mit einer betont leichthin formulierten Frage, was ich denn empfehlen würde.

Bei den Übersichten gibt es Exemplare von Microsoft, die ihren Namen nicht verdient haben, sie sind nämlich ausgesprochen un-übersichtlich. Kundenorientierte Distributoren machten sich in den Anfangszeiten daran, diese Übersichten für die unterschiedlichen Zielgruppen aufzubereiten und zu vereinfachen. Bedauerlicherweise ist die Änderungsfrequenz so hoch, dass diese Microsoft-Partner mit den Nachträgen nicht mehr nachkommen. In der Folge kann man sich auf keine der Listen mehr verlassen. Mal fehlen bestimmte Produkte, weil die Übersicht schon zwei Wochen alt ist, mal sind noch alte Produkte gelistet, die schon nicht mehr lieferbar sind.

Geheime Botschaften

Interessant sind die meterlangen Vergleichslisten auch durch die inzwischen eingeführten Geheimcodes für die Produkte: da werden dann Spalten mit BBAS, BSTD, A4ENT oder BPRE beschriftet, weil die richtigen Produktnamen meist zweizeilig wären. Wer dann nicht sofort erkennt, dass es hier um (Microsoft 365) Business BASic, (Microsoft 365) Business STandDard oder (Microsoft 365) Apps for Enterprise geht, ist bereits an der Einstiegshürde für das Microsoft-365-Memory gescheitert.

Die ganze Komplexität bietet aber auch Vorteile – für Microsoft: welches Unternehmen hat es schon geschafft, mehrtägige Trainings und einen mehrstufigen Karriere- und Ausbildungspfad zum „Microsoft Licensing Professional“ anbieten zu können? Und das auch noch kostenpflichtig, da muss man einfach Respekt haben.

Produktnamen und -Features sowie die zugehörigen Preise sind höchst dynamisch und zwar aus mehreren Sichten. Zum einen sind die Produktnamen so wechselhaft, dass manche Produkte selbst auf offiziellen Microsoft-Übersichten noch nicht erscheinen. Nein, bei Produkt-Umbenennungen kann es auch gut vorkommen, dass das neue Produkt „ein bisschen“ anders funktioniert als das Ursprungsprodukt, was in der Praxis jedoch oft einen enormen Unterschied bedeutet. Aber natürlich versteht jeder: neue Produkte haben neue Preise.

Es geht beständig aufwärts

Generell kennt der Preis natürlich nur eine Richtung, nämlich nach oben. So hat sich Microsoft zuletzt im März 2022 einen kräftigen Schluck aus der Lizenzkosten-Pulle genehmigt und die Preise um bis zu 30 % erhöht. Auf den offiziellen Sites listet Microsoft monatliche Mietpreise für die eigene Software, die erstaunlicherweise unter den Einkaufspreisen für Systemhäuser liegen. Des Rätsels Lösung: Microsoft listet die Kosten für ein Jahres-Abonnement, das vorab zu zahlen ist und keine Kündigungsmöglichkeit bietet – und teilt die Jahreskosten durch zwölf. Will man wirklich monatlich zahlen – und kündigen – können, kostet das einen Aufpreis von 20 %. Sicher nur ein Darstellungsproblem auf der Website.

Microsoft behält sich vor, Preise entsprechend der Abo-Zahlweise zu erhöhen: wer monatlich zahlt, der zahlt im Falle von Preiserhöhungen bereits im Folgemonat den höhere Preis, jährlich vorab bezahlte Abos erst bei Ablauf des Jahresabos. Ach ja, Upgrades der Abo-Zahlen können jederzeit in der Laufzeit eines Abonnements vorgenommen werden. Ein Downgrade ist aber nur zum Ende der Laufzeit möglich. Wer sehr volatile Userzahlen hat, sollte zumindest einen Teil der Abos als Monatsabos führen (zahlt damit allerdings 20 % mehr). Soviel zur Flexibilität und den günstigen Kosten bei Cloudanwendungen.

Mythos und Magie

Auch wenn das „Boiling Frog Syndrom“ (https://karrierebibel.de/boiling-frog-syndrom/) ein Mythos ist, Microsoft ist meisterhaft im langsamen, aber konsequenten Erhöhen der Temperatur, um in diesem Bild zu bleiben. So gibt es beispielsweise MS365-Produkte, die eine Windows-10/11-Lizenz enthalten. Anfangs ließen sich diese gegen einen Active Directory Server aktivieren, seit einiger Zeit ist dazu ein AAD (Azure Active Directory) als „Lizenzmanagement-Server“ nötig. Damit kann Microsoft die Desktops bei jeder Anmeldung auf korrekte Lizenzierung kontrollieren, was im lokalen (on Prem) Fall nicht möglich ist. Übrigens wäre das auch eine tolle Gelegenheit, weitere interne Informationen auf magische Weise in die Cloud zu zaubern.

Wir wollen auch dieses Mal nicht unerwähnt lassen, dass Microsofts 365-Produktsuite trotz anderslautender Aussagen auf den eigenen Websites NICHT DSGVO-konform verwendbar ist. Unternehmen mit geheimhaltungswürdigen Daten sollten sich den Einsatz also überlegen, denn wenn Datenschützer schon vermuten, dass personenbezogene Daten trotz DSGVO in die USA gelangen, dann gilt das sicher auch für andere Daten. Siehe hierzu unseren Wussten-Sie-Schon-Beitrag.