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19.07.2011

Anonymous und LulzSec - ein Kollektiv für die (digitale) Freiheit?



Zunehmend äußern Menschen ihren Unmut über aktuelle gesellschaftliche Strömungen oder politische Ereignisse über die sozialen Netzwerke oder formieren sich im Schatten der digitalen Anonymität in losen Internet-Gruppierungen. Einige davon empfinden sich als Teil eines Kollektivs mit (zumeist) höheren Zielen und kämpfen für Meinungsfreiheit, Menschenrechte oder gegen die Zensur. Andere wiederum haben ein merkwürdiges Verständnis von Entertainment und nutzen die Macht des Kollektivs, um destruktive Vorhaben mit brachialer digitaler Gewalt zum Abschluss zu bringen. Zwei mittlerweile sehr bekannte Organisationen dieses „digitalen Kollektivs" sind als LulzSec und Anonymous bekannt.

Lulz Security - Unterhaltung ist das oberste Gebot

 

Lulz Security, oder auch LulzSec, bediente sich in der Namensgebung dem gebräuchlichem Internet-Meme „Do it for teh lulz!". Dieser besonders bei Kindern und Jugendlichen beliebte Satz bedeutet nichts anderes, dass Schadensfreude ein durchaus nachvollziehbarer Grund für sein Handeln bedeuten kann. Auf dieser Grundlage, so scheint es, basierten die Aktionen von LulzSec.

Als anonyme Fraktion des oben angesprochenen weltweiten Kollektivs hatten sie sich dem Entertainment verschrieben. Anfang Mai nahm die vermutlich sechsköpfige Gruppierung die Teilnehmer der amerikanischen Casting-Show X-Factor ins Visier. Sie beschafften sich die E-Mail-Adressen über die Webseite des US-Fernsehsenders FOX und veröffentlichten diese im Internet für jedermann einsehbar.

Was zunächst viele als Kritik an moderner Unterhaltung für die Massen verstanden, bekam bald andere Dimensionen. Mit Hilfe von diversen Angriffsmethoden wurden unter anderem auch Daten von Sony, Nintendo, dem US-Senat und einem CIA-Webserver veröffentlicht. Die Angriffe schienen ohne Muster zu erfolgen und keinen erkennbaren Zielen zu dienen.

Schnell bekam Lulz Security große öffentliche Aufmerksamkeit und richtete eigens eine Hotline ein; Anrufer konnten dort die nächsten Angriffsziele vorschlagen. Im Juni diesen Jahres kam es daher zu Angriffen gegen die IT-Infrastruktur von Online-Spielen und auf einen Umfrage-Server von Apple. LulzSec hatte schnell mehr als 150.000 Follower bei Twitter und erreichte weltweite Bekannheit, auch dank offizieller Pressemitteilungen und einem eigenen unverkennbaren Logo. Selbst seriöse Nachrichtensender berichteten von den Angriffen und gaben somit der Popularität von LulzSec weiteren Auftrieb.

Mitte Juni gab das kleine Team, dessen Mitglieder in den USA, Großbritannien und Schweden vermutet werden, bekannt, mit der politisch motivierten Gruppierung Anonymous im Rahmen der Bewegung „Operation Anti-Security" gemeinsam neue Angriffe starten zu wollen. Am 26. Juni verkündete LulzSec dann überraschend das Ende der Gruppe. Sympathisanten und Mitglieder seien jedoch dazu aufgerufen, sich Anonymous anzuschließen. Was für viele als „unterhaltsame" Story begann, endete bereits nach 50 Tagen und hinterließ bei vielen Politikern vermutlich genug Zündstoff, um weiter für die Regulierung des Internets voranzutreiben.

Anonymous - Globales Kollektiv für mehr Freiheit

Anonymous hingegen versteht sich insgesamt als globales Kollektiv und hat Unterstützer in der gesamten Welt. Während sich zunächst nur einige Internet-Foren, IRC-Chats und diverse Communities für gemeinsame (eher unterhaltsame) Aktionen abgesprochen hatten, entsprang diesem losen Gebilde im Jahr 2008 eine ganze politische Bewegung, die teils auch im realen Leben für Internet-, Meinungsfreiheit sowie gegen Zensur in jeder Form kämpft. Während LulzSec vor allem für Lacher sorgen wollte, möchte Anonymous konkrete Maßnahmen gegen Freiheitsberaubung durchführen.

„Der Wille des Volkes", wie Anonymous in vielen Berichten bezeichnet wurde, richtete sich daher gezielt gegen die Regierungen in Ägypten, Iran oder Bahrain. Ohne Agenda oder gar Führungspersönlichkeiten verlässt sich Anonymous auf das Kollektiv und ruft immer wieder zu DDoS-Attacken gegen die Webseiten der totalitären Regierungen auf. Als Konsequenz sind die besagten Internet-Auftritte teilweise für mehrere Tage nicht mehr erreichbar.

Ihren vorläufigen Höhepunkt fanden die Angriffe der anonymen Aktivisten nach der erneuten Wahl des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad im Juni 2009. Zu Unrecht hätte dieser die Wahlen gewonnen, war die Überzeugung des Kollektivs, zu sehr unterdrücke seine Regierung das dortige Volk. Gemeinsam mit dem bekannten Filesharing-Portal The Piratebay und iranischen Hackern organisierte Anonymous Proteste sowohl in der digitalen als auch in der realen Welt. Über eine eigens ins Leben gerufene Webseite für den Iran konnte die dortige Bevölkerung Hilfe bei der Organisation von Demonstrationen in Anspruch nehmen. Bis dahin schien es, als verfolge das Kollektiv höhere moralische Ziele und setze sich für die Belange von unterdrückten Menschen ein.

In dem Kollektivverständnis scheint Freiheit jedoch ein weit dehnbarer Begriff zu sein. So richteten sich viele digitale Angriffe im Jahr 2010 auch gegen Filmstudios aus Bollywood, die gezielt Musikpiraterie-Webseiten abschalten ließen. Hierzu nutzten diese allerdings anscheinend ebenso zweifelhafte Mittel, wie berichtet wurde. Zum Repertoire der indischen Firmen zählten neben Anwaltsbriefen auch angeheuerte Cracker, die die Webseiten der Musik-Sharer mit mehreren Attacken lahmlegten.

Anonymous versteht Software- und Musikpiraterie als Teil der Freiheit und vergalt, fast schon einem Kreuzzug gleichkommend, die Aktionen von Bollywood mit DDoS-Attacken. Als Folge waren die Webseiten der Filmstudios, Produktionsfirmen sowie deren Anwaltskanzleien für mehrere Tage nicht erreichbar.

Ähnliche Aktionen wurden von Anonymous auch als Maßnahme gegen Internetzensur und Scientology durchgeführt. Besonders heikel wurde es jedoch, als Sony den Hacker George Hotz ins Visier genommen hatte. Der junge Mann hatte es geschafft, die Sony-Spielekonsole Playstation 3 von Softwaresperren zu befreien. Somit war es möglich, auch andere Betriebssysteme auf diesem Gerät zu installieren. Was für den Normalverbraucher wie ein Kavaliersdelikt aussehen könnte, war für Sony ein Affront. Gegen Hotz wurde schnell Anklage erhoben, seine Aktionen nicht toleriert. Weitere Mitglieder der Gruppierung, der Hotz angehört, gerieten dabei ebenfalls ins Visier des Medienriesen.

Mehrere Anonymous-Untergruppierungen beteiligten sich daraufhin an Angriffen gegen das Playstation Network, entwendeten Daten und drohten mehreren Sony-Mitarbeiten mit der Veröffentlichung der privaten Daten von ihnen sowie deren Familienmitgliedern. Die selbst erklärten digitalen Ritter der Neuzeit stellen sich zwar als Verfechter von Moral und Freiheit dar, greifen selbst jedoch zu Mitteln, mit denen sie die Freiheit anderer bedrohen.

Verbindungen zu Wikileaks

Viele Berichterstatter hatten Anonymous mit Wikileaks verknüpft - man verfolge die gleichen Ziele und bekämpfe die Regime, die Wikileaks-Dokumente verbieten wollen oder zumindest der Zensur unterwerfen.

Als im Dezember 2010 Wikileaks verstärkt ins Visier von Ermittlungsbehörden weltweit rückte, bekannte sich Anonymous offen zur Whistleblower-Plattform und griff im Rahmen der „Operation Paypack" die Webseiten von Unternehmen an, die Wikileaks die Weiterleitung von Spendengeldern oder das Betreiben von Finanzkonten verweigerten. Zu den Opfern des Kollektivs zählen unter anderem Amazon, PayPal, Mastercard, Visa und eine Schweizer Bank. Einige Zeit später wurde der US-amerikanische Soldat Bradley Manning schließlich als Informant von Wikileaks identifiziert und kam wegen der Weitergabe von US-Geheimdokumenten in Isolierhaft. Daraufhin drohte Anonymous der amerikanischen Marine mit der Identifikation von deren Mitarbeitern sowie mit der Veröffentlichung derer privaten Daten.

Während des arabischen Frühlings nahm Anonymous die Webseiten der Regierungen aus Tunesien, Libyen, Ägypten, Marokko und Bahrein ins Visier. Weiterhin versendete Anonymous Briefe an diverse Unternehmen, in denen mit weiteren Angriffen gedroht wurde.

Oberflächlich könnten die Aktionen als die von modernen Freiheitskämpfern verstanden werden, die sich auch ein wenig der Aufklärung verpflichtet fühlen. Anonymous hebt sich dadurch von anderen Gruppierungen ab, in dem beispielsweise diese im „realen" Leben Proteste organisieren. Anonymous bzeichnet sich selbst als Wächter von Moral, Freiheit und der „Freedom of Speech", schreckt allerdings nicht vor Repressalien gegen andere zurück. Längst hat dieser Umstand das FBI und eine noch unbekannte Gruppe auf den Plan gerufen, die Mitglieder von Anonymous enttarnen möchte.

Mit der aktuellen Verhandlung um die Auslieferung von Wikileaks-Gründer Julien Assange nach Schweden und der weiterhin gespannten Situation im Nahen Osten dürften wir schon bald weitere Höhepunkte des digitalen Aktionismus beobachten können.