Firmenbrief

21.11.2006

Der Feind in meinem Bett


Der Feind in meinem Bett

„Als CEO von Microsoft ist mir natürlich klar, dass Linux eine wichtige Rolle in der IT-Infrastruktur vieler unserer Kunden spielt, und es wird weiterhin eine wichtige Rolle spielen“, so Steve Ballmer am 2. November. Der gleiche Steve Ballmer sagte in einem Interview im Jahr 2001: "Wer Open-Source-Software einsetzt, muss auch den Rest seiner Software zu Open-Source machen. Linux ist ein Krebsgeschwür, das in Bezug auf geistiges Eigentum alles befällt, was es berührt." Ist Microsoft nun also entgegen medizinischer Wahrscheinlichkeit vom Krebsgeschwür befallen? Die Diagnose läßt sich relativieren. Die Wellen schlagen hoch, seitdem Microsoft und Novell am 2. November bekannt gaben, dass die Unternehmen in großem Umfang kooperieren wollen. Warum aber die Aufregung? Was macht die Vereinbarung zwischen Microsoft und Novell so außergewöhnlich? Schließlich sucht Microsoft schon seit geraumer Zeit die Nähe zum Konkurrenten Linux. Bereits im Jahr 2002 war Microsoft Aussteller bei der Linux World Expo. Trotz Verwunderung von allen Seiten gab es kein Blutvergießen, und die Koexistenz blieb über mehrere Linux-Messen weltweit friedlich. Die aktuelle Vereinbarung scheint jedoch so bemerkenswert, dass auch Tagesschau und Spiegel-Redakteure über die „Love Story“ (Spiegel Online) berichten.

Das Dokument, das so viel Aufsehen erregt, besagt zum einen, dass den jeweiligen Unternehmenskunden keine rechtlichen Konsequenzen drohen, wenn sie die jeweils andere Software einsetzen. Im Klartext: Kunden, die Microsoft-Software nutzen, werden in den nächsten Jahren nicht von Novell verklagt, weil sie dies tun. Kunden, die Novell-Software, damit zum Beispiel auch Suse Linux, einsetzen, werden nicht von Microsoft verklagt. Sei dahingestellt, wie wahrscheinlich das eine oder andere Szenario gewesen wäre. Dies betrifft einen zentralen Konfliktpunkt beider Lager, nämlich die Debatte um Patente und geistiges Eigentum. In seiner Rede zu der Vereinbarung meint Microsoft-Chef Ballmer: „Offensichtlich sind das Open Source Modell und das der proprietären Quellen sehr unterschiedlich.(...) Wir glauben, dass wir eine Lösung gefunden haben, die beide Geschäftsmodelle respektiert.“

Außerdem vereinbaren die ehemaligen Rivalen in dem Dokument, dass sie hinsichtlich Virtualisierung zusammenarbeiten wollen. Dank dieser Technologie laufen in künstlich geschaffenen Rechnern die konkurrierenden Betriebssysteme Windows und Linux parallel, offensichtlich entspricht das den Anforderungen zahlreicher Unternehmen. Wen wundert es da, dass dieses Thema auch ein natürlicher Schnittpunkt für eine solche Vereinbarung ist. Laut einer aktuellen Studie der Marktforscher von IDC hat in diesem Wachstumsmarkt Linux derzeit die höchsten Steigerungsraten zu verzeichnen. Ballmer zitiert die Marktforscher: „IDC hat die erstaunliche Prognose von 1,8 Milliarden Dollar nur für Virtualisierungssoftware bis zum Jahr 2010“.

Novell und Microsoft wollen sich künftig um die Kompatibilität von Dokumentformaten kümmern. Für Microsoft ist dies kein neues Thema, obwohl das Unternehmen auch hier in seinen Aussagen sprunghaft war: Das Open Document Format (ODF), mittlerweile ISO-Standard und von zahlreichen Behörden und Konzernen zum bevorzugten Format erklärt, wollte der Konzern ursprünglich nicht in seine Office-Produkte integrieren. Noch im Mai 2006 hatte Jean Paoli, oberster Microsoft-Entwickler des hauseigenen XML-Formates, im Gespräch mit dem Linux-Magazin betont, dass es ODF-Unterstützung höchstens als Plugin von Drittanbietern geben würde. Im Juli war das jedoch schon wieder ganz anders: Der „Open XML Translator" wurde von Microsoft ins Leben gerufen, um neben dem hauseigenen Open XML auch das Open Document Format im weitverbreiteten Büropaket Office zu unterstützen.

In dem Abkommen zwischen Microsoft und Novell fließt aber auch eine Menge Geld: Für Lizenzen für den Suse Linux Enterprise Server zahlt Microsoft 240 Millionen Dollar, weitere 94 Millionen fließen für Marketing und Personal. Für den Verzicht auf Patentklagen werden 108 Millionen fällig, im Gegenzug zahlt Novell an Microsoft 40 Millionen für diesen Zweck. Es ist schwer vorstellbar, dass Microsoft seinen Kunden künftig Suse-Server hinstellt. Novell versucht mittlerweile, den Eindruck zu zerstreuen, es habe die Braut Suse an den Feind verkauft. Ron Hovsepian, Präsident von Novell, meint, das Geld käme nicht nur Novell zugute, „sondern auch der Community, da es die weitere Verbreitung von Linux und Open Source unterstützt.“

In der Community sorgt das Abkommen sicher weiter für heftige Streitgespräche in den Foren, so wie es bei jedem Vorschlag einer Annäherung an die Welt der proprietären Software geschieht. Ende September erst hatte Eric S. Raymond, einer der Mitbegründer der Open-Source-Szene, für ein Friedensabkommen geworben: „Um für Anwender attraktiver zu werden, muss Linux die populären Treiber und Dateiformate unterstützen, die heute im Umlauf sind. (...) Linux muss Kompromisse machen.“

Was vielen bislang undenkbar schien, wurde von den neuerdings so engen Geschäfts-Freunden Microsoft und Novell in einer ganzseitigen Anzeige in der Financial Times in pathetischen Worten zum Brückenbau öffentlich gemacht. Die Worte aus Steve Ballmers Rede geben dem Inserat den Tenor: Alles sei im Dienste des Kunden, dem mit Software-Produkten gedient sei, die reibungslos zusammenarbeiten, egal auf welcher Quelle (Source) sie basieren. Den zukünftigen Umgangston beschreibt der CEO von Microsoft so: „Wir sind immer noch Wettbewerber.... Wir werden freundlich sein, wenn wir zusammen sind. (...) Wenn ich aber Goldman Sachs anrufe, werde ich ihnen als erstes sagen, laßt uns diese Linux-Rechner da rausschaffen und Windows reinbringen.“