Cloud Computing

Cloud Computing für den Mittelstand

 

Wenn man über Cloud Computing spricht wird oft in Private Cloud, Public Cloud, Managed Cloud und noch weitere Unterkategorien unterschieden. Mit was verbinden denn Ihre Kunden den Modebegriff Cloud Computing?

Meine Erfahrung ist, dass die meisten Kunden damit die Public Cloud verbinden. Also eine Infrastruktur, die nicht bei ihnen intern im Haus ist, sondern sich irgendwo in einem anonymen Raum im Internet befindet. Es gibt auch Enterprise Clouds in großen Unternehmen, die ähnliche Strukturen haben, sich jedoch innerhalb des Unternehmens befinden und in denen das Thema Datensicherheit keine so negative Rolle spielt wie bei den Public Clouds. Das wird aber meistens gar nicht wahrgenommen, alle reden nur von der Public Cloud.
Aus technischer Sicht bedeutet Cloud Computing für mich die Abstrahierung von physischen IT-Infrastruktur-Komponenten und ihren Funktionen in logische Komponenten auf einer höheren Ebene. Auf dieser Ebene sind dann auch die Grenzen der „echten“ Hardware zunächst nicht relevant, wenn deren Grenzen noch nicht erreicht werden. Durch diese Modularität von logischen Komponenten wird auch die Skalierbarkeit erleichtert – vorausgesetzt natürlich die Ressourcen sind auch wirklich dahinter.

Was sind für Sie mögliche Einsatzszenarien von Cloud Computing in mittelständischen Unternehmen?

Bisher ist das Thema Cloud Computing aus meiner Sicht im Mittelstand noch nicht präsent. Trotzdem gibt es spezielle Anwendungsfälle, in denen Cloud Computing Sinn macht, beispielsweise bei hohen Lastspitzen bei der Auslieferung von Webanwendungen, hier wären gegebenenfalls Amazon Web Services oder vergleichbare Angebote eine Lösung.
Für den Standard-IT-Einsatz im Mittelstand, der die Grundlage des Unternehmens bildet, kann ich derzeit – zumindest für Public Clouds - nicht sofort Vorteile sehen. Der Mittelstand selbst und damit auch seine IT ist durch einen hohen Grad an Individualität geprägt, wodurch häufig Alleinstellungsmerkmale dargestellt werden können. Cloud Computing dagegen ist eher durch hohe Standardisierung gekennzeichnet, so dass dort die mittelständischen Alleinstellungsmerkmale verloren gehen.

Immer wenn die Anforderungen an die Leistung der IT-Infrastruktur stark schwanken und/oder eine Standardisierung möglich ist, sind Clouds hilfreich. Aus diesem Grunde sind meiner Einschätzung nach sehr kleine Unternehmen, die mit standardisierten Anwendungen arbeiten und in denen sich der Betrieb einer eigenen IT meist nicht lohnt, eine der wichtigsten Zielgruppen für Software-as-a-Service Modelle. Diese Modelle basieren auf Public Cloud Anwendungen und sind für diese Unternehmensgruppe eine sinnvolle Alternative zur eigenen IT-Infrastruktur.

Ist das mit der Datensicherheit in der Cloud ein Problem, das vor allem die Deutschen sehen? In den USA beispielsweise spielt das keine so große Rolle.

Das ist sicherlich ein typisch deutsches Thema, weil wir sehr sicherheitsbewusst sind. Der Verlust der Kontrolle über die eigenen Daten – zumindest bei Public Clouds - ist aus meiner Sicht einer der bedenklichsten Aspekte. Angesichts der fast täglichen Meldungen über Datenklau in großen Unternehmen halte ich es für riskant, Unternehmensdaten in einer Public Cloud zu halten. Sie können dort nicht mehr nachvollziehen, wo ihre Daten gespeichert werden und wer alles darauf Zugriff hat. Das geht so weit, dass die Daten nicht mal mehr auf einem Server liegen, sondern über mehrere Server fragmentiert sind.

Letztendlich sind immer Menschen involviert, die Fehler machen können oder im schlimmsten Falle tatsächlich Daten stehlen wollen und wenn der Schaden da ist, ist er irreversibel. Auch die Computer-Forensik steckt in diesem Bereich noch in den Kinderschuhen, d.h. es lässt sich in vielen Fällen noch nicht einmal nachvollziehen oder beweisen, was in einem solchen Falle passiert ist.

Es gibt inzwischen in Deutschland eine Initiative „Deutsche Wolke“ in der sich unterschiedliche Firmen zusammengeschlossen haben mit dem Ziel, eine Cloud „Made in Germany“ zu gründen. Ist das eine Alternative für die Zukunft?

Ich glaube, dass dies im Vergleich zu anonymen internationalen Angeboten, bei denen man nicht weiß in welchem Rechtsraum und unter welchen Datenschutzgesetzen die  Daten gespeichert werden, ein Vorteil ist. Man muss sich aber auch dort immer gut überlegen: Will ich meine Daten auf Servern speichern, von denen ich nicht weiß, wer alles darauf Zugriff hat? Es steht außer Frage, dass auch Cloud Computing Anbieter ihre Service Level Agreements einhalten wollen. Aber es ist nicht immer klar, ob dort wirklich immer im Interesse der eigenen Firma gearbeitet wird. Bei einem klassischen IT-Dienstleister wie beispielsweise der LIS AG, hat der Kunde seinen eigenen Server, auf den nur er und unsere Administratoren Zugriff haben.

Was wären denn Anwendungen oder Services die nicht so sicherheitskritisch sind und die man in eine solche Cloud auslagern könnte?

Webseiten mit großem Traffic beispielsweise oder Shopsysteme, wenn man die Bezahlfunktionen über den eigenen Server abwickelt. Solche Systeme sind ja oft durch tageszeitliche oder saisonale Faktoren großen Lastschwankungen ausgesetzt und da könnte ich mir das sehr gut vorstellen.

Oder im Bereich der Softwareentwicklung. Das Kompilieren des Software-Codes ist ein sehr zeitaufwendiger Prozess, bei dem man mit der entsprechenden Rechenpower massiv Zeit und Ressourcen sparen kann. Man muss jedoch auch hier darauf achten, wie unternehmenskritisch die Applikationen sind.

Lässt sich denn mit Cloud Computing konkret Geld sparen? Man spart sich ja die Anschaffung eigener Hardware und die Administrationskosten.

Wenn man die Angebote die auf dem Markt sind vergleichen will, fällt einem auf, dass viele Angebote keinen Preis haben. Das heißt, man muss in jedem Einzelfall nachfragen, wie hoch die genauen Kosten sind, was für die Migration der bestehenden Daten oder spezieller Anwendungen zu bezahlen ist, was für die Maintenance anfällt usw. Es hat sich im Markt noch kein allgemein gültiges Preismodell etabliert.

Wenn man vorhandene Preise nimmt und diese auf eigene Anforderungen hochrechnet, zum Beispiel die Kosten für die Bereitstellung und Nutzung eines Fileservers pro Benutzer und Monat, dann kommt man schnell auf sehr hohe Zahlen. Da sagt ein Mittelständler dann schnell: Das sind Summen, bei denen kann ich mir die Infrastruktur auch im eigenen Unternehmen aufbauen.

Welche Alternativen gibt es für mittelständische Unternehmen zu Cloud-Computing-Lösungen?

Wenn ich auf die ursprüngliche Definition von Cloud Computing zurückkomme, nämlich die Entkoppelung der Physik von der tatsächlichen Nutzung, so haben viele Unternehmen die ersten Schritte bereits getan. Durch Anwendungs- und Storage-Virtualisierung werden ja bereits Abstraktionsebenen eingezogen. Stellt man sich die dahinter liegenden Hardware-Ressourcen als grenzenlos vor, hätte man konzeptionell aus Sicht des Anwenders schon eine Cloud. Der Weg von virtualisierten Infrastrukturen hin zu privaten oder hybriden Clouds ist in vielen Fällen schon erkennbar oder von der Software schon vorgegeben.

Was würden Sie einem Unternehmen raten, das zu klein ist, um selber die komplette IT-Infrastruktur aufzubauen, aber dennoch mit sensiblen Daten arbeitet, die es nicht in die Public Cloud geben möchte?

Da könnte es ein guter Weg sein, sich die Hardware selber zu beschaffen - sei es durch Kauf oder Leasing - die Installation und Administration der Software jedoch von einem Dienstleister erledigen zu lassen. Die Kosten die dadurch anfallen betragen nur einen Bruchteil dessen, was ein festangestellter Systemadministrator im eigenen Unternehmen kosten würde. Ich denke das ist eine interessante Alternative.

Die LIS AG bietet ihren Kunden diese Services. Wie sieht das konkret aus?

Wir bieten das als „Remote Management“ an, ein Service bei dem wir die Hard- und Software die beim Kunden läuft komplett überwachen und administrieren. Inklusive Themen wie Backup, User-Management, Firewall und das zum Festpreis. Der Kunde kann so ganz klar kalkulieren, seine Daten bleiben bei ihm im Haus und er hat jederzeit Zugriff darauf. Dabei übernehmen wir auch den Betrieb spezieller Branchensoftware unserer Kunden, die zum Beispiel oft nur unter Windows läuft.

Ein weiterer Grund der für die Cloud spricht ist das Thema Ausfallsicherheit und Redundanz. Wie sieht es da mit Alternativen für kleinere Unternehmen aus?

In den letzten Jahren hat sich zunehmend herausgestellt, dass Ausfallsicherheit auch für kleinere Mittelständler eine Voraussetzung für ihr Geschäftsmodell ist. Niemand kann es sich heute leisten einen oder zwei Tage nicht verfügbar zu sein. Die LIS AG ist dazu übergegangen ausfallsichere Systeme bei ihren Kunden immer virtualisiert aufzusetzen. Das heißt alle Systeme die wir verkaufen sind ausfallsicher auf einer virtualisierten Basis. Und da kommen wir wieder zurück an den Anfang: Diese Virtualisierungsumgebungen sind der Kern und Ausgangspunkt für alle Cloud Computing Lösungen.

 

 


 

 

Rudolf StroblRudolf Strobl
Vorstand Linux Information Systems AG

Rudolf Strobl leitet als Vorstand die Linux Information Systems, die seit 1999 bei über 400 mittelständischen Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen erfolgreich Linux-basierte Lösungen implementiert hat.